Fangen wir an mit den Statistiken und dem Blick auf die Kontinente.
- Asien: 3 Mannschaften nahmen am Turnier teil, 2 sind noch dabei
- Afrika: 6 Mannschaften nahmen am Turnier teil, 1 ist noch dabei
- Australien/Ozeanien: 2 Mannschften nahmen am Turnier teil, keine ist mehr dabei
- Nord-, Mittelamerika: 3 Mannschaften nahmen am Turnier teil, 2 sind noch dabei
- Südamerika: 5 Mannschaften nahmen am Turnier teil, 5 sind noch dabei
- Europa: 13 Mannschaften nahmen am Turnier teil, 6 sind noch dabei
Hier und da hört man immer wieder, die Qualität bei dieser WM sei schlecht. Woran machen wir das fest? Vielleicht an der Tatsache, dass der europäische Fußball uns zuletzt verwöhnt hat. Denken wir an die WM 2006, so standen 6 europäische Teams im Viertelfinale, 4 im Halbfinale. Dieses Jahr können es hächstens 3 im Viertelfinale werden, da alle europäischen Teams bereits im Achtelfinale aufeinander treffen und sich gegenseitig eliminieren. Ist unser Qualitätsurteil demnach Grund der schlechten europäischen Teams? Ja und Nein, würde ich sagen. Denn ohne Zweifel haben Frankreich, Italien und England - europäische Spitzenteams der vergangenen Jahre - größtenteils oder gänzlich enttäuscht. Hinzu kamen mit Spanien und Deutschland die Finalisten der letzten Europameisterschaft, die zwar durchaus nicht enttäuschten, aber dennoch ihre Klasse nur kaum (abgesehen vom 4:0 gegen Australien) ausdrücken konnten. Selbst die Niederlande traten nicht mit dem Niveau auf, mit dem sie die WM-Quali runtergespult haben.
Europa so schlecht?
Doch ist es vermessen, die Qualität der WM am Abschneiden der europäischen Teams auszumachen. Denn die südamerikanischen Teams können auf eine Vorrunde zurück blicken, bei der 4 von 5 Teams ihre Gruppen gewannen. Das heißt: Südamerika gut, Europa schlecht? NEIN! Meiner Ansicht nach gibt es kein Team, das in Ihrer Art und Weise zu spielen überzeugt hat. Dass es mit Argentinien und den Niederlanden auch nur zwei Teams gibt, die alle ihre Vorrundenspiele gewonnen haben, spricht für diese Aussage. Keine Mannschaft schaffte es bis jetzt, sich entsprechend in die Köpfe der Zuschauer zu spielen.
So trat Argentinien zwar als Kollektiv auf und hatte die entsprechenden Ergebnisse, doch überzeugten sie nur gegen Südkorea. Die Niederlande überzeugten weder gegen Dänemark, noch gegen Japan. Ohne Zweifel haben die Brasilianer gegen die Elfenbeinküste ihre Klasse aufblitzen lassen, doch konnten sie weder die (letztlich bei der WM) überforderten Nordkoreaner, noch die Portugisen dominieren. Deutschland zeigte gegen Australien die vermutlich beste Turnierleistung, doch konnten sie gegen die Serben trotz guter Leistung keinen Punkt mitnehmen.
Diese Schwäche der "Großen" konnten die vermeintlich "Kleinen" ausnutzen. Wer hätte vorher mit den Slowaken als Achtelfinalisten gerechnet? Wer hätte gedacht, dass Uruguay die Gruppe A gewinnt und dass Chile, die USA und Ghana spielerisch sich die Zwischenrunde mehr als nur verdient haben? Wer hätte gedacht, dass Neuseeland ohne Niederlage die Vorrunde (trotz Ausscheiden) beendet? Wer hätte gedacht, dass Südafrika, Griechenland, Slowenien, Australien oder die Schweiz nur aufgrund eines Tores im richtigen Moment das Achtelfinale verpassen? Viele nicht!
Aufstand der Kleinen?
Ich denke, der Mix aus allem lässt die Vorrunde beschreiben. Weder waren die "Guten" so gut wie erwartet, noch die "Schlechten" so schlecht wie zuvor beschrieben. So können wir gespannt sein, welches Team der 4er-Kombination Uruguay, Ghana, USA und Südkorea das Halbfinale erreicht. Ein vermeintlich "Kleiner" wird das sein - und das tut dem Ganzen auch gut.
Dennoch fehlt dieser WM der Glanz der Stars. 13 von 48 Spielen endeten mit dem Ergebnis 1:0, insgesamt 21 Spiele mit einem Tor Unterschied und nur 5 Spiele endeten mit 3 oder mehr Toren Differenz. Die Spiele zeigten: es war weniger die Spannung dafür verantwortlich, sondern mehr das Unvermögen, Tore aus dem Spiel heraus zu erzielen. Beschwerden über den Ball standen eher im Vordergrund als das Hinterfragen der eigenen Stärke. Mit 101 Toren in 48 Spielen haben wir knapp 2 Tore pro Spiel gesehen - oder sie verschlafen, wenn wir vor langer Weile bereits weggenickt waren.
Fehlendes Niveau auch bei den Schiedsrichtern
Den Leistungen der Mannschaften schlossen sich leider auch oftmals die Schiedsrichter an. Es ist richtig, dass weniger Karten als vor vier Jahren verteilt wurden, doch sollte man sich hinterfragen, warum in der Champions-League der Scheidsrichter bedeutend seltener im Mittelpunkt steht als bei der WM? Meiner Ansicht nach spielten sich die Schiedsrichter durch oftmals zu kleinliche Pfiffe und durch zu schnell gezückte Karten zu oft in den Vordergrund. Die Leistung eines Schiedsrichters darf nicht nur daran gemessen werden, wieviele Karten er zückt, sondern auch daran, ob er auffällt oder nicht. Ein guter Schiedsrichter fällt nicht auf - siehe Wolfgang Stark beim Spiel Argentinien-Nigeria.
Die FIFA kann dafür sorgen, indem sie die besten Schiedsrichter pfeifen lässt - und eben nicht, einen breiten Kreis (gemessen an der Herkunft) an Schiedsrichtern aufstellt. Man denke nur an das olympische Finale der Eishockey-Wettbewerbe. Das Spiel war Kanada - USA und es pfiffen drei Kanadier und ein US-Amerikaner. Warum? Weil sie die besten UNPARTEIISCHEN waren, die es gab. Und entsprechend haben sie gepfiffen: Unparteiisch und überzeugend!
Gibt es weitere Überraschungen?
Bleibt ein Blick nach vorn. Wer wird weiterkommen? Es wird Überraschungen geben: mit Uruguay und Paraguay werden zwei Südamerikaner im Viertelfinale stehen, von denen man es nicht gedacht hätte. Brasilien und die Niederlande werden souverän weiterkommen, dann allerdings sich gegenseitig eliminieren. Argentinien wird es schwerer als vermutet haben, doch (eventuell wieder in der Verlängerung) letztlich es trotzdem schaffen. Die USA werden die Schwächer der Ghanaer ausnutzen, Tore aus dem Spiel zu erzielen und dementsprechend 2:0 gewinnen. Bleiben noch die beiden Klassiker: Deutschland-England und Spanien-Portugal. Vermutlich werden diese Spiele nicht nach 90 Minuten entschieden sein. Die Tipps gehen allerdings in die Richtung, dass es sowohl Deutschland, als auch Spanien schaffen werden.
Bleibt die Hoffnung, auf mehr Klasse, mehr Tore, mehr individuelle Leckerbissen, weniger Schiedsrichter, die im Mittelpunkt stehen und weniger Torwartfehler. Jetzt geht das Turnier los - schauen wir, was daraus wird.